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Cavendish exklusiv über Ziele & Arroganz

Sprintstar Mark Cavendish spricht bei Eurosport vor dem Start in die Tour de France im Interview der Woche über seinen Hunger auf das Grüne Trikot, die "Maschine" als Erfolgsgarant - aber auch über sein Image, persönliche Rückschläge und den Vorwurf der Arroganz.

Im letzten Jahr haben Sie sechs Etappen gewonnen, aber das Grüne Trikot wegen einer umstrittenen Jury-Entscheidung verpasst: Sind Sie darüber noch verärgert und ist das "maillot vert" nun das Hauptziel?

Mark Cavendish: Ich bin nicht mehr wütend deswegen, es ist wie es ist. Ich versuche, den positiven Aspekt daran zu sehen: Hätte ich das Trikot 2009 schon gewonnen, wäre ich vielleicht jetzt nicht so heiß darauf! Und auf das Grüne Trikot werde ich immer hungrig sein, das ist die höchste Auszeichnung, die ein Sprinter bekommen kann.

Doch mit der Vorgeschichte sind wir noch motivierter, es gibt ein neues Ziel für dieses Jahr. Mir bleiben die sechs Siege - und jeder weiß, warum ich dennoch das Trikot nicht bekam. Wenn ich diesmal in Paris nicht Grün bekomme, werde ich enttäuscht sein.

Wenn man sich ihren Zieljubel im letzen Jahr ansieht, war das wie bei Wayne Rooney nach einem Tor, inklusive Jubeltraube mit den Teamkollegen. Sind die Siege eher Ihre Siege oder eher die des Teams?

Cavendish: Manchmal bin ich nach einem Sieg gar nicht glücklich! Denn mein Team und seine Arbeit sind so gut, dass es sogar zum Sieg reicht, wenn ich selbst schlecht bin und mit mir unzufrieden.

Unser gemeinsames Ziel ist es, ein Radrennen zu gewinnen, um unsere Sponsoren zu präsentieren. Und um das zu schaffen, ist es einfach die erfolgversprechendste Herangehensweise, dass ich die Linie möglichst ganz vorne überquere - aber eben nur als letzter Fahrer aus einer ganzen Reihe von Mannschaftskameraden. Es ist immer ein Erfolg des ganzen Teams und der Arbeit des ganzen Teams. Wenn ich die Arme hochreiße, dann nur, um den Sponsor zu präsentieren.

Ich bin nur das letzte Teil in einer geölten Maschinerie. Es ist nicht so, dass da eine Maschine für mich arbeitet, sondern ich bin ein Teil davon, so wie jeder meiner Kameraden auch. Und deshalb will ich im Ziel sofort mit diesen Jungs feiern, dass wir unseren Job gut gemacht haben. Ich weiß, dass viele Leute nicht so denken - aber ich und die Anderen im Team denken so. Und wenn im letzten Jahr von den 25 Fahrern im Team nicht weniger als 17 mindestens ein Rennen gewinnen konnten, dann liegt das auch an dieser Einstellung.

Mit George Hincapie hat einer der ganz entscheidenden Fahrer das Team verlassen, der im Sprint-Zug sehr viel Anteil an den Erfolgen hatte. Was macht das aus?

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Cavendish: Ohne den anderen Jungs zu nahe zu treten: George ist nicht zu ersetzen. So einen Fahrer gibt es in einer Generation nur einmal, seine Erfahrung und seine Kraft sind unfassbar. Aber wir sind einem Ersatz sehr nahe gekommen, haben tolle Jungs im Team, neue wie bewährte Kräfte, die perfekt diese Aufgabe übernehmen. Wir sollten wieder das dominante Team sein und aus meiner Sicht ist die Maschine so gut geölt wie letztes Jahr.

Sie haben vor der Saison persönliche und gesundheitliche Rückschläge wegstecken müssen. Was haben Sie aus dieser Zeit gelernt?

Cavendish: Nicht alles für selbstverständlich zu nehmen! Eine Kleinigkeit kann dich aus deinen Träumen reißen, obwohl das Leben gerade noch perfekt erschien. Jeder muss mal diese Lektion lernen und solche Erfahrungen machen. Aber wenn man die gute Seite daran sehen will: Es kann einen nur stärker machen. Ich bin dankbar, dass ich großartige Freunde und tolle Teamkollegen habe, die mir durch diese Zeit geholfen haben.

Mit Ihrer rüden Geste nach dem Etappensieg in der Tour de Romandie haben Sie Ihr Image als "bad boy" einmal mehr bestätigt. Aber Ihr Umfeld sagt, Sie seien der netteste Kerl abseits des Rads. Wer und wie ist der "echte" Mark Cavendish?

Cavendish: In der Öffentlichkeit so rüberzukommen, wie man wirklich ist, ist schwierig. In einem Video-Interview sieht man mich wenigstens, aber gedruckte Zitate kommen oft anders an, als sie gemeint waren. Die Leute können sich da kein unmittelbares Bild von mir machen, sondern bekommen von einem Journalisten ein Image von mir vermittelt. Ich werde nicht so gezeigt, wie ich wirklich bin. Das ist nicht nur bei mir so und nicht nur im Sport, sondern bei jedem, der im Fokus der Öffentlichkeit steht. Damit muss man klarkommen.

Solange die Leute, die mir wirklich wichtig sind, meine Familie und Freunde, mich kennen und akzeptieren, ist es okay für mich. An meinen Leistungen können sich die Leute nicht reiben, denn die sind nicht schlecht, also tun sie's eben an meiner Person - aber das ist doch ein gutes Zeichen für meine Leistungen.

Es kann schnell passieren, dass man sich verliert zwischen diesem öffentlichen Bild des Stars, des Athleten Cavendish oder Armstrong - und der normalen Person, die man ja auch ist.

Andere Fahrer werfen Ihnen manchmal Ihre Arroganz vor…

Cavendish: Ich glaube, nur schlechte Fahrer werfen mir so etwas vor. Jene, die wissen, was es bedeutet, in meiner Position zu sein, die den Druck kennen, sehen das anders. Aber Leute von außerhalb des Radsports und in den Medien haben vielleicht diesen Eindruck - aber ich komme mit den meisten Leuten klar, die im Radsport etwas erreicht haben. Nur die Fahrer, die nichts erreicht haben, sagen so etwas. Es ist wie mit den Journalisten, die meine Leistung nicht kritisieren können und sich dann eben einen anderen Punkt für ihre Kritik heraussuchen.

Sie waren zu Beginn Ihre Laufbahn nicht der talentierteste Fahrer und mussten sich durchbeißen. Sie haben viele Opfer gebracht und sich nach oben gekämpft, auch durch Lehrjahre in einem kleinen deutschen Team. War der Preis für den Erfolg aus Ihrer Sicht aber nicht zu hoch, wenn Sie sehen, dass sie dafür den Kontakt zu Ihrer Familie arg vernachlässigten, welche Probleme es da gab?

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Cavendish: Ja, auf jeden Fall. Das denke ich jetzt die ganze Zeit. Man ist sich der Dinge nicht bewusst, bis man sie nicht mehr hat. Vieles habe ich für selbstverständlich gehalten und die Situation nicht erkannt. Aber das geht wohl vielen Leuten in Erfolgspositionen so, sie müssen diese Opfer bringen. Es ist schwer für mich, in jungen Jahren die Karriere und das "richtige" Leben immer gut zu verbinden. Ich zumindest bin jetzt wieder viel enger im Kontakt mit meiner Familie.

Holczer sieht kaum Hoffnung im Anti-Doping-Kampf

Hamburg (dpa) - Der ehemalige Chef des Radsport-Teams Gerolsteiner, Hans-Michael Holczer, sieht wenig Chancen auf einen dopingfreien Radsport.

Der Internationale Radsportverband (UCI) habe zwar viel unternommen, aber Lücken gebe es weiter, sagte er dem Sportmagazin «kicker». «Wer nach ihnen sucht, der findet sie auch.» Das könne auch ein Sportlicher Leiter nicht verhindern: «Auch als noch so aufmerksamer Teamchef ist man hier in puncto Doping machtlos.» Er selbst begegne den Leistungen mittlerweile mit Skepsis.

Holczer wollte mit seinem Team einst Vorreiter im Kampf gegen Doping sein. Er musste bei der Tour de France im Jahr 2008 aber einen herben Rückschlag hinnehmen, als seine Fahrer Bernhard Kohl und Stefan Schumacher des Dopings überführt wurden. «Wir haben übersehen, dass die Leistungen von Kohl wenig plausibel waren», sagte der 56-Jährige. «Ich bin davon ausgegangen, dass es unmöglich sei, dass einer meiner Fahrer sich während der Tour eine Eigenblut-Infusion geben lässt - ohne dass wir dies mitbekommen.» Kohl habe das Gegenteil bewiesen: Er mietete im Teamhotel ein zusätzliches Zimmer für die Infusionen, sagte Holczer.

Alle Höchstleistungen im Spitzensport gelte es zu hinterfragen, betonte Holczer, der eine große Mitschuld in der Pharmaindustrie sieht: «Daran würde sich wohl nur etwas ändern, wenn Pharmakonzerne sich darauf einließen, alle Medikamente, die bei ihnen in der Testphase sind, mit Markern zu kennzeichnen.»