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Tour de France - Tour-Sieg: So tippt Europa

So schätzt das internationale Eurosport-Netzwerk die Tour de France 2010 ein. Die Radsport-Redakteure aus Europa haben drei Fragen beantwortet: Was bedeutet die Tour de France in ihrem Land? Kann irgendjemand Alberto Contador schlagen? Wie wird Lance Armstrong bei seiner letzten Tour abschneiden?

Andrea Tabacco (Italien)

Die Tour de France hat in Italien schon immer einen besonderen Status, und wird den auch immer haben. Hinter dem Giro d'Italia ist es das zweitwichtigste Radrennen. Klar, weil gerade die Fußball-WM stattfindet, steht die Tour nicht so im Fokus, aber für Rad-Fans ist das egal.

Ich befürchte, dass Alberto Contador wieder gewinnt, aber ich hoffe, dass Ivan Basso ihn schlagen kann. Allerdings ist das sehr, sehr schwer. Realistisch gesehen ist wahrscheinlich aber nur Andy Schleck in der Lage, Contador zu gefährden. Für die Show hoffe ich natürlich, dass ich da falsch liege…

Was Lance Armstrong angeht, glaube ich, dass er in perfekter Verfassung ist - sowohl körperlich als auch mental. Aber gleichzeitig denke ich, dass es für einen 38-Jährigen sehr schwer wird zu gewinnen. Vor allem weil er in Contador auf ein echtes Phänomen trifft.

Mein Tipp: 1. Alberto Contador, 2. Andy Schleck, 3. Ivan Basso

Laurent Vergne (Frankreich)

In Frankreich ist die Tour noch immer ein riesiges Event, trotz der Dopingskandale und auch wenn es seit 25 Jahren keinen französischen Sieger mehr gab. Es stehen immer noch riesige Menschenmassen an den Straßen, oder sitzen vor dem Fernseher. "Le Tour" ist nicht nur Sport, sie ist ein Teil unserer Kultur. Und das WM-Desaster bedeutet, dass die Tour noch mehr Aufmerksamkeit bekommen wird.

Meiner Meinung nach kann Contador nicht geschlagen werden. Natürlich dauert das Rennen drei Wochen und es kann viel passieren - zum Beispiel ein schlimmer Sturz. Aber abgesehen von einem solchen Szenario kann Contador niemand besiegen, außer er sich selbst. Er ist der beste Kletterer und vielleicht sogar der beste Zeitfahrer. Auch sein Team ist nicht so schlecht, wie viele im Frühjahr behauptet haben. Er wird Abstände erzeugen, wann immer er möchte. Ein erster Angriff in den Alpen und ein weiterer in Ax-3 Domaines und die Tour ist entschieden. Dann muss er am Tourmalet nur noch kontrollieren.

Ich habe schon im letzten Jahr nicht geglaubt, dass Armstrong gewinnen kann und ändere meine Meinung auch diesmal nicht. Er hatte bei den großen Bergetappen 2009 seine Probleme und in diesem Jahr gibt es davon noch mehr. Ich glaube es wird schon schwer genug für ihn, um einen Podestplatz zu kämpfen. Allerdings weiß er natürlich, wie man sich vorbereiten muss und er könnte in der ersten Woche durch seine Erfahrung einen Vorteil haben. Taktisch ist er immer noch der Boss. Ich sehe ihn auf jeden Fall in den Top 10 - wahrscheinlich um den fünften Rang herum.

Mein Tipp: 1. Alberto Contador, 2. Andy Schleck, 3. Roman Kreuziger

Lee Walker (England)

Die Tour de France wird in England in etwa so viel Presse bekommen, wie Gregory Havret in Frankreich, als er bei den US Open der Golfer Zweiter wurde. Sie wird nicht in die traditionelle britische Hackordnung einbrechen, die im Sommer gilt: Wimbledon, der britische Formel-1-Grand-Prix und die Golf Open. Und natürlich ist der Fußball immer der König. Selbst wenn Bradley Wiggins in der dritten Woche eine der großen Bergetappen gewinnt, wird Golf noch die größere Aufmerksamkeit in den Nachrichten hervorrufen.

Nein. Bei der Tour gibt es immer Seriensieger und es gibt keinen Grund, warum das dieses Jahr anders sein sollte. Contador ist der klare Favorit. Seine Vorbereitung war perfekt und sein Team ist stark genug. Auch wenn er auf dem Kopfsteinpflaster von Etappe 3 vielleicht etwas Zeit verliert, wird er das in den Bergen locker wieder aufholen.

Ich glaube nicht, dass Armstrong starten würde, wenn er nicht an einen Sieg glaubt. Aber er ist 38 Jahre alt. Er stürzte bei der Tour of California und wurde durch Krankheit gestoppt. Ich erwarte einen Podestplatz und einen heldenhaften Abschied bei einer der Bergetappen.

Mein Tipp: 1. Alberto Contador, 2. Andy Schleck, 3. Lance Armstrong

Andreas Schulz (Deutschland)

Die Tour ist auch in Deutschland noch immer ein Event - aber wie groß sie sein wird, hängt in erster Linie vom Abschneiden der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-WM ab. Die erste Woche wird sicher im Schatten der Weltmeisterschaft stattfinden. Danach wird die Tour im Fokus stehen, allerdings nicht mehr so stark wie noch vor einigen Jahren. Aber wenn es einen frühen deutschen Etappensieg oder sogar für ein paar Tage das Gelbe Trikot für einen Deutschen gibt, dann bin ich optimistisch.

Contador kann geschlagen werden - aber nur durch sich selbst oder sein eigenes Team. Er ist der beste Kletterer und nach drei Wochen wohl auch der Stärkste in einem langen Zeitfahren. Aber wenn er in der ersten Woche durch den Wind an der Nordsee, oder auf dem Kopfsteinpflaster Zeit verliert, dann können sich die Dinge ändern.

Ich sehe Lance Armstrong wie im vergangenen Jahr: Er ist ein Anwärter für einen Podestplatz, liegt aber klar hinter Alberto Contador und Andy Schleck. Sie klettern beide besser als er, und Armstrong ist auch nicht mehr das Zeitfahr-Monster, das er war. Selbst das Podium könnte schwer werden. Ohne das Mannschaftszeitfahren und die Hilfe seiner Teamkollegen hätte er das letztes Jahr auch nicht geschafft. Platz 3 ist das Maximum, aber wenn das Rennen gegen ihn läuft, könnten sogar die Top 10 in Gefahr geraten.

Mein Tipp: 1. Alberto Contador, 2. Andy Schleck, 3. Lance Armstrong

Adrian Garcia (Spanien)

Offensichtlich war die Tour de France für die Spanier wichtiger, als Miguel Indurain noch gefahren ist und gewonnen hat. Aber Alberto Contador ist eine neue spanische Berühmtheit und das Interesse am Radsport wächst, trotz aller Doping-Skandale.

Es ist sehr schwer, Contador zu schlagen. Er ist der stärkste Fahrer und wenn nichts passiert, wird er den dritten Tour-Sieg holen. Nur die Brüder Fränk und Andy Schleck könnten ihn gefährden.

Lance Armstrong wird in den Top Ten landen und nah ans Podium herankommen. Er hat sich gut vorbereitet und ist in einer körperlich starken Verfassung, wie man bei der Luxemburg-Rundfahrt und der Tour de Suisse sehen konnte.

Mein Tipp: 1. Alberto Contador, 2. Fränk Schleck, 3. Andy Schleck

Tour de France - Stört Armstrong die Contador-Show?

Alberto Contador als Topfavorit, Lance Armstrong als möglicher Spielverderber, Alexander Winokurow und Ivan Basso als Rückkehrer aus dem Doping-Abseits: Ab Samstag dreht sich auf 3642 Kilometern an 23 Tagen wieder das Star-Karussell der 97. Tour de France.

Auch die deutsche Radsport-Prominenz Tony Martin, Marcus Burghardt, Linus Gerdemann, Gerald Ciolek und Jens Voigt will aufspringen und mitmischen auf dem Weg von Rotterdam nach Paris - mit zumindest berechtigten Hoffnungen auf Etappensiege.

Nur noch wenige trauen dem fast 39-jährigen Armstrong zu, bei seiner Abschiedstour noch einmal das Gelbe Trikot zu ergreifen oder es gar zum achten Mal am 25. Juli auch in Paris auf den Champs Elysées zu tragen. "Bei ihm weiß man nie, aber das wird er wohl nicht schaffen", meinte der einen Tag ältere Voigt, der seine 13. und aller Voraussicht nach letzte Frankreich-Rundfahrt bestreiten wird.

Pyrenäen bringen Entscheidung

Über die Rolle des Spaßverderbers für seinen Intimfeind Contador, besonders in der ersten Tour-Woche mit Kopfsteinpflaster, engen Straßen und hoher Schlechtwetter-Wahrscheinlichkeit, dürfte Seriensieger Armstrong nur schwer hinauswachsen können. Die einhellige Meinung der Experten lautet: Die Pyrenäen in der letzten Tour-Woche werden die Entscheidung bringen. In diesem Terrain dürfte gegen die Kletterspezialisten Contador oder Andy Schleck kein Kraut gewachsen sein.

Der Einlauf von 2009 - Contador vor Andy Schleck und Armstrong - könnte sich wiederholen, obwohl auch der frisch gekürte Giro-Gewinner Basso, der Geheimtipp Roman Kreuziger oder Weltmeister Cadel Evans hart ums Podium kämpfen werden. Hinter dem Leistungsvermögen Andy Schlecks steht allerdings wegen der Turbulenzen im Bjarne Riis-Team um seinen bevorstehenden Abgang gemeinsam mit seinem Bruder ein großes Fragezeichen.

Martin in Gelb?

Aus deutscher Sicht rückt vor allem Tony Martin, im Vorjahr für 12 Tage im Weißen Trikot des besten Nachwuchsfahrers und Etappenzweiter auf dem legendären Mont Ventoux, im Fokus. Der 25-jährige Eschborner, der nach einer Sehnenentzündung im Knie einen schwierigen Saisonstart hatte, kommt mit besten Empfehlungen. Der am vergangenen Sonntag frisch gekürte deutsche Zeitfahrmeister schlug den "Überflieger" Fabian Cancellara innerhalb von vier Wochen in seiner Parade- Disziplin gleich zweimal: Bei der Kalifornien-Rundfahrt und bei der Tour de Suisse.

Kein Wunder, dass Martin schon von Gelb beim 8,9 Kilometer langen Prolog am Samstag in Rotterdam träumt, auch wenn er vorsichtig bleibt: "Das weiße Trikot ist am wahrscheinlichsten." Ciolek hofft auf einen weniger starken Columbia-Profi Mark Cavendish, der im Vorjahr mit sechs Sprintsiegen unantastbar war, und sein Teamkollege Gerdemann wünscht sich die Zeiten von 2007 zurück. Da gewann er am französischen Nationalfeiertag eine Etappe und schlüpfte ins Gelbe Trikot.

Doping und versteckte Motoren

Mit jeder neuen Tour beginnt auch von neuem der Kampf gegen die Betrüger. Die Kontrolleure haben diesmal neue Manipulationsversuche auf dem Zettel: die mechanischen. Aufgeschreckt durch einen Fernsehsendung will der Weltverband UCI die Rennräder genauer unter die Lupe nehmen - in ihnen könnten Motoren versteckt sein. Im Kampf gegen Betrüger setzen die Verantwortlichen aber nicht nur auf neue Scanner, sondern auch auf intensive Zusammenarbeit.

In ihren Bemühungen setzen UCI, die französische Anti-Doping- Agentur AFLD und die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA erstmals auf eine breite Allianz. Dabei soll die UCI die Dopingkontrollen leiten, die WADA alles überwachen und die AFLD mit Tipps von Polizei und Zoll helfen. Der Zusammenschluss ist deswegen bemerkenswert, weil sich UCI und AFLD seit vergangenem Jahr mächtig in den Haaren liegen. Tour- Chef Christian Prudhomme hat im übrigen mit den Heimkehrern Winokurow und Basso kein Problem: "Sie haben ihre Strafe abgesessen".